Flutkatastrophe Deutschland 2013

stART-Nothilfeeinsatz im Sommer 2013 in Deggendorf, einem der in Niederbayern am schwersten von der Flutkatastrophe betroffenen Orte

„Na wie geht es mit Eurer Arbeit bei stART?“

„Wir waren dieses Jahr weiterhin monatlich in Libyen, und dann im August in Haiti und in Niederbayern“

„ Was? – Niederbayern??“

„Ja Niederbayern!“ Ist die Flutkatastrophe so schnell vergessen, frage ich mich?

Sicher- es wurde sehr schnell alles aufgeräumt, das tägliche Leben konnte schnell wieder in geordnete Bahnen geführt werden. Die Bundeswehr, die Feuerwehr und viele freiwillige Fluthelfer arbeiteten Tag und Nacht um zu retten, was zu retten war. Die breite Unterstützung, auf praktischer, sozialer und auch auf finanzieller Ebene, durch Versicherungen, den deutschen Staat und private Spender spiegelt die geschützten Verhältnisse, in denen wir leben.

Dennoch waren die Mitarbeiter von stART international, bisher nur außerhalb von Europa tätig, beeindruckt, die Katastrophe vor der eigenen Haustüre zu erleben. Nur 150 km von unserem Vereinssitz entfernt hat die Flut so gewütet, dass hunderte Menschen ihr Zuhause verloren haben. Immer noch müssen Häuser abgerissen werden, weil die Kontamination durch das ausgetretene Heizöl irreparable Schäden in den überfluteten Häusern hinterließ – allein dadurch ca. 60 Millionen Euro nachträglicher Schaden im Kreis Deggendorf.

Und trotz guter Infrastruktur und staatlicher Hilfen war für viele Kinder ihre heile Welt zusammen gebrochen. Wer könnte diese wieder heilen, wenn nicht die Kunst und die liebevolle Zuwendung anderer Menschen?

Im Juli fuhren wir nach Deggendorf, um die Lage vor Ort zu sehen und unsere Hilfe im pädagogisch-therapeutischen Bereich anzubieten.

In Kooperation mit der Stadt Deggendorf konnten wir dort unsere Arbeit in einem Ferienprogramm für 3-11 jährige Flutopfer umsetzen. Unser Unterstützungsangebot wurde sehr dankbar und mit offenen Armen angenommen.

Die Kinder und Betreuer schilderten uns, wie es nicht in den Zeitungen stand:

„Sie, das war wie im Krieg…jetzt weiß man wieder was Heimat ist.“ (Zitat einer Deggendorf-Bewohnerin)
„Ich heiße Felix – bei uns war die Flut!“ (Zitat eines Kindes aus Deggendorf)
„Alles, alles ist davon geschwommen, nur die Schuhe nicht.“ (Zitat eines 4-jährigen Mädchens aus Deggendorf – gerade dieses KInd fällt in panikartige Verzweiflung, wenn ihre Schuhe nicht im Regal zu finden sind oder ein anderes Kind ähnliche Schuhe trägt.
Wir hören von der Tante die keinen Gutachter kommen lässt, damit der nicht den Abriss des Hauses verordnen kann, obwohl alles total nach Öl stinkt.
Wir erleben, dass Kinder, die schon trocken waren wieder einnässen, manche auch Schlafstörungen, Nervosität oder Ängste zeigen.
Wir sehen in Fischerdorf Menschen weinend vor ihren Häusern stehen, die nach monatelanger Renovierung doch abgerissen werden müssen, weil das Heizöl irreparable Schäden hinterlassen hat.
Doch es gibt auch Schönes: Die Kinder aus Fischerdorf sind ein fester Clan geworden, wo einer dem anderen hilft und genau Bescheid weiß, wie es aktuell um das Haus des Freundes steht.

Aber was ist mit den Eltern – die einen im kleinen Dorf haben eine Versicherung, die greift, die anderen nicht… Bei den einen ist das Haus noch zu retten – bei den anderen nicht. Der eine Vater hat seine Arbeit verloren, der andere nicht.
Wie viel menschliche Größe gehört dazu, damit diese Unterschiede einen Menschen nicht in Neid und Bitterkeit verfallen lassen?

Die Stimmung in der altersgemischten Gruppe von insgesamt ca. 60 Kinder, die wir 2 Wochen lang pädagogisch-therapeutisch begleiten dürfen, ist ruhig und freundlich. Begleitet wird sie neben uns von einigen Frauen aus Deggendorf.

Was können wir bewirken?
Da gibt es z.B. unserer Kunsttherapeutin: sie baut mit den Kindern eine Arche Noah aus Stöcken und viele Tiere aus Ton. Mit Sand und Gartenschlauch wird ein großer Hafen gestaltet.
Spiel und Spaß oder Therapie?
Nie sah ich Kinder so angestrengt und ernsthaft einen Damm aus Sand bauen: „Jetzt geht´s um Sekunden!!“ „Haltet ihn!! Er bricht, er bricht! “ „Wir schaffen es, wir müssen es schaffen!“
Das ging richtig unter die Haut!
Das feierliche Einsetzen der Arche Noah wendete das Drama zum Guten. Sie schwamm nicht gleich, zuwenig Wasser im Hafenbecken! Mit viel Handgeschick wurde der Wasserfluss am Damm so kontrolliert geführt, dass der Wasserpegel stieg und die Arche schwimmen konnte. Die Kinder hatten es in der Hand das Wasser als Freund zu gewinnen und dadurch den schrecklichen Bildern der Hilflosigkeit eine eigene Stärke entgegen zu setzen.

Auch in Bewegungsspielen, einer Musik-Theaterproduktion und anderem mehr, konnte die erfahrene Hilflosigkeit durch das Erlebnis von eigener Geschicklichkeit und Mut, sowie gemeinsamer Stärke durch Zusammenarbeit verwandelt werden.

Schön waren die persönlichen Beziehungen zu den einzelnen Kindern, die sich in diesen zwei Wochen täglichen Beisammenseins entwickeln konnten.

Eine besondere Erfahrung für uns, die wieder Demut und Dankbarkeit lehrt, für alle Zeiten die man geschützt und in Frieden leben darf. Denn falsch liegt wer meint „ Bei uns passiert nichts!“ Die Deggendorfer und Passauer…….wissen es besser: Es war nicht die erste und nicht die letzte Flut.

Wir danken der Stadt Deggendorf für ihre Offenheit, den Pädagogen des Hafenbrädl – Kindergartens für die warmherzige Zusammenarbeit und den Spendern, die dieses Projekt ermöglicht haben.

Myrtha Faltin, Projektleiterin

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